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Im Wiler Stadtmuseum eröffnet heute die neue Ausstellung «...und wo bleibt meine Strasse?». Sie rückt das Schaffen des österreichischen Ingenieurs Alois Negrelli in der Äbtestadt in den Fokus. Archivar Werner Warth gibt vorab einen Einblick.
Wil Wer heute durch die Obere Bahnhofstrasse bis in die Wiler Altstadt flaniert, der trifft erst am Rande des Hofplatzes auf ein Stadttor. Das Schnetztor ist das einzige erhalten gebliebene Tor der mittelalterlichen Äbtestadt. Vor rund 200 Jahren gab es in Wil noch über ein Dutzend Tore zu passieren. Dafür verantwortlich, dass es diese heute nicht mehr gibt, ist der Ingenieur Alois Negrelli (1799-1858). Der Südtiroler prägte im 19. Jahrhundert nicht nur das Wiler Stadtbild, er wirke auch am Bau der ersten Schweizer Bahnverbindung und am Suezkanal mit. «Dafür, dass Negrelli seinerzeit bahnbrechende Ideen hatte, kennen ihn nur wenig Leute», sagt der Archivar der Ortsgemeinde Wil Werner Warth. Er hat sich deshalb für die neue Ausstellung im Stadtmuseum «...und wo bleibt meine Strasse?» mit dem Schaffen des Ingenieurs beschäftigt.
Alois Negrelli wuchs in Südtirol auf und absolvierte später seine Ausbildung in Vorarlberg. Nach seinem Mitwirken bei der Rheinkorrektur wurde er 1832 vom Kanton St.Gallen als Strassen- und Wasserbauinspektor angestellt. In dieser Funktion hat Negrelli auch ein Gutachten für die Stadt Wil erstellt. Das Originalschreiben aus dem Jahr 1834 ist eines der Herzstücke der aktuellen Ausstellung im Stadtmuseum. «Negrelli hielt darin unter anderem den schlechten Zustand der Strassen fest. Zudem empfahl er, den Grossteil der Tore zu entfernen und steile Zufahrtsstrassen aufzuschütten», weiss Werner Warth. Wie steil die Zufahrten waren, sehe man am alten Kirchweg nach St.Peter, beim heutigen «Feinbeck Dietsche». Diese Strecke sei mit einem schwer beladenen Fuhrwerk kaum passierbar gewesen. Deutlich erkenne man die Strassenerhöhung auch an der Konstanzerstrasse. Ebenfalls auf Negrellis Plan zurückzuführen sei zudem die gerade Strassenführung der heutigen Fussgängerzone.
Doch Negrelli prägte nicht nur die Stadt Wil, sondern wirkte auch an bedeutenden Bauprojekten über die Kantons- und Landesgrenzen hinaus mit. So beschäftigte er sich mit der Planung und dem Bau der ersten Schweizer Eisenbahnverbindung, der Spanisch-Brötli-Bahn zwischen Zürich und Baden. Die Bahn wurde 1847 eröffnet und verkürzte die Reisezeit zwischen den beiden Städten erheblich. «Die gut betuchten Zürcher hatten sonntags gerne spezielle Brötli aus Baden. Es heisst, dass ihre Bediensteten nachts nach Baden liefen und morgens mit den Brötli den ersten Zug zurücknahmen. Daher der Name», erklärt Werner Warth. Als Oberbaumeister in der Donaumonarchie baute er in Italien, Österreich und der damaligen Tschechei viele Bahnen, Brücken und Strassen. Auch beim Suezkanal spielte Negrelli eine wichtige Rolle, weiss er. Der Ingenieur habe sich früh für den Bau einer Verbindung zwischen dem Mittelmeer und dem Roten Meer eingesetzt und an deren Planung mitgewirkt. «Sein Projekt wurde realisiert. Der Kanal wurde 1869 eröffnet und ermöglichte eine deutlich kürzere Schifffahrtsroute zwischen Europa und Asien. Von Negrelli allerdings war keine Rede – er war vor Baubeginn schon gestorben», so der Wiler Archivar.
Damit reichte Negrellis Einfluss weit über die Ostschweiz hinaus – trotzdem habe Wil noch keine Strasse, die nach dem Südtiroler benannt sei, beanstandet der Archivar. Der Name der Ausstellung «...und wo bleibt meine Strasse?» komme nicht von ungefähr. In anderen Schweizer Ortschaften, in denen der Ingenieur gewirkt habe, so zum Beispiel Gossau und Zürich, gebe es solche Widmungen. Warths bisherige Bemühungen bei der Stadt Wil waren erfolglos. Nun will er sein Anliegen mit einer Petition erreichen: Besucherinnen und Besucher des Stadtmuseums haben die Möglichkeit, eine Petition zu einem Strassen- oder Brückennamen mit «Negrelli» zu unterzeichnen. Der Wiler hat auch bereits eine konkrete Idee, wo die Widmung des Südtirolers umgesetzt werden könnte: Am Backsteinbau an der Zürcherstrasse 1 hängt ein Schild «Alleestrasse». Er schlägt vor, daraus eine «Negrelli Allee» zu machen. Die Allee sei 1864 von der Ortsgemeinde Wil umgesetzt worden. Sie sollte als Verbindung des Bahnhofs mit der Oberen Bahnhofstrasse dienen. Negrelli habe schliesslich massgebend zur Entstehung der Wiler Einkaufstrasse beigetragen, begründet Warth sein Anliegen.
Linda Bachmann
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