Ramon Gschwend
fährt in einer 16-tägigen Rallye bis ans Nordkap+.
Kevin Müller (r.) und sein Mitgründer Claude Oertli
Kino, Konzert, Wartezimmer: Kevin Müller von KLAIR über das Produkt, das überall funktioniert, wo Rauchen verboten ist
Wer raucht, kennt das Ritual. Die erzwungene Pause vor dem Kino, kurz bevor die Vorstellung beginnt, draussen, oft im Nieselregen, während alle anderen schon im Warmen sitzen. Dann der Konzertsaal, die Halbzeit nach dem ersten Akt, und wieder der Gang nach draussen, wo man mit halbem Ohr auf das wartet, was drinnen gerade passiert. Oder der Langstreckenzug, vier Stunden, keine Möglichkeit, nur Zähne zusammenbeissen und irgendwie durch. Das Schweizer Unternehmen KLAIR will genau diese Momente verändern, und zwar nicht durch Verzicht, sondern durch Ersatz. Kevin Müller, Mitgründer von KLAIR, erklärt, warum dieser Unterschied grösser ist, als er auf den ersten Blick wirkt.
Das Ritual ist das eigentliche Problem
Man redet beim Rauchen oft zu viel über Nikotin und zu wenig über das, was sonst noch passiert. Die Hand-zu-Mund-Bewegung, das Einatmen, das kurze Innehalten zwischen zwei Aufgaben, der erste Zug nach dem Essen, die Zigarette auf dem Weg zur Arbeit. Das sind keine Zufälle, das sind Gewohnheiten, die sich über Monate und Jahre eingespielt haben und die im Nervensystem genauso verankert sind wie der Griff nach dem Handy beim Warten auf die Tram. Pharmakologische Mittel wie Nikotinpflaster oder Kaugummis adressieren den körperlichen Entzug, lassen das Ritual aber komplett aussen vor. Das Pflaster liegt auf der Haut und macht dort seinen Job. Aber es gibt einem nicht das Gefühl, die Kaffeepause irgendwie zu "halten". Es ersetzt nicht den Griff in die Jackentasche, nicht das Innehalten, nicht das Einatmen. Genau diese Lücke versucht KLAIR zu füllen, und das ist kein kleines Detail, sondern der Kern des Produktansatzes.
Was steckt im Pen?
Der KLAIR Pen ist ein rauchfreier Inhalationsstick, der ohne Nikotin, ohne Dampf und ohne Elektronik auskommt. Das Gerät funktioniert rein mechanisch: Beim Einatmen wird Luft durch eine austauschbare Baumwollkapsel gezogen, die mit natürlichen Aromaölen getränkt ist. Kein Heizelement, keine Batterie, kein Akku. Wer den Pen benutzt, atmet aromatisierte Luft ein, mehr passiert physikalisch gesehen nicht. Die verwendeten Inhaltsstoffe sind in der Schweiz für Lebensmittel zugelassen und unterstehen dem Lebensmittelrecht, nicht dem Tabakrecht. Das hat einen konkreten Effekt auf die Frage, wo man das Produkt verwenden kann. Weil KLAIR weder Rauch noch Dampf erzeugt und rechtlich nicht als Tabakprodukt gilt, fällt es laut Hersteller nicht unter die Rauchverbote, die in öffentlichen Innenräumen gelten. Der Pen kommt in mehreren Designs und über zehn Geschmacksrichtungen, von Menthol und Minze über Blaubeere und Grapefruit bis zu Zimtapfel und Passionsfrucht. Die Kapseln lassen sich einzeln austauschen, was ihn von Einwegprodukten unterscheidet.
Der Wintereffekt
Kevin Müller, Mitgründer von KLAIR, beobachtet ein saisonales Muster bei seinen Kunden. "Im Sommer sind unsere Kunden draussen. Im Winter merken sie, dass KLAIR auch drinnen funktioniert, überall, wo andere draussen frieren müssen." Das ist keine Marketingformulierung, sondern eine Beschreibung von etwas, das Müller regelmässig im Kundenfeedback hört. Im Sommer verlängert KLAIR das Draussen-Sein um eine weitere Option. Im Herbst und Winter, wenn sich das Leben wieder in Innenräume verlagert, wird das Produkt zu einer anderen Art von Begleiter. Das erste Mal, wenn jemand den ganzen Film im Kinosessel bleibt, ohne aufstehen zu müssen. Das erste Konzert, das man von Anfang bis Ende im Saal erlebt. Das erste Zugabteil, in dem man vier Stunden sitzt, ohne auf die nächste Station zu warten, wo man kurz rausspringen könnte. Laut Müller ist es genau dieser Moment, den die meisten Kunden erst dann wirklich schätzen, wenn sie ihn erlebt haben. Vorher ist es ein Versprechen. Danach ist es ein Alltagsprodukt.
Kino, Zug, Wartezimmer: drei Orte, ein Prinzip
Drei Situationen, die praktisch jeder Raucher kennt und die alle dasselbe Grundmuster haben: Man möchte etwas tun, darf es aber nicht, also wartet man, bis man darf, und bis dahin ist die Konzentration irgendwo zwischen dem Film und der nächsten Möglichkeit, draussen zu stehen. Im Kino beginnt das schon in der Schlange vor dem Einlass. Die Vorstellung fängt in zehn Minuten an, also schnell noch draussen, egal ob man eigentlich will oder nicht, weil man weiss, dass die nächste Gelegenheit erst nach anderthalb Stunden kommt. Im Konzert gibt es die Pause, aber die ist kurz, und wer wirklich rausgehen will, muss sich durch die halbe Menge schieben und hofft, dass die zweite Hälfte nicht schon angefangen hat, wenn man zurückkommt. Im Zug ist die Situation noch eindeutiger: Es gibt keine Gelegenheit, ausser der nächsten Station, und selbst dort stoppt der Zug oft nur für zwei Minuten. Der Wartezimmer-Fall ist vielleicht der unspektakulärste, aber auch der ehrlichste. Man sitzt, man wartet, man hat nichts zu tun, und genau in diesem Moment schlägt das Ritual am stärksten an. Wer hier schon einmal auf die Uhr geschaut hat, nicht wegen dem Arzt, sondern wegen der nächsten Rauchmöglichkeit, weiss genau, wovon die Rede ist. KLAIR verändert diese Momente nicht dramatisch, aber konkret: Der Griff in die Tasche funktioniert, ohne dass man aufstehen muss.
Rauchverbote haben die Spielregeln verändert
Wer heute raucht, lebt mit einem Produkt, das einem immer öfter vorschreibt, wann und wo man es benutzen darf. In der Schweiz gelten Rauchverbote in öffentlichen Gebäuden, auf Bahnhöfen, in Restaurants und Bars, in Spitälern und auf Spielplätzen. Das ist keine neue Entwicklung, aber die Fläche der Einschränkungen wächst stetig. Was in den 1990ern noch selbstverständlich war, nämlich eine Zigarette im Zug oder im Kinosaal, klingt heute für die meisten wie eine Geschichte aus einer anderen Zeit. Für Raucher bedeutet das: Immer mehr Orte, an denen die eigene Gewohnheit schlicht nicht mehr möglich ist. Und je mehr Zeit man in Innenräumen verbringt, was im Herbst und Winter nun einmal der Fall ist, desto spürbarer wird diese Einschränkung im Alltag. Rauchen ist damit nicht nur eine Frage der Gesundheit geworden, sondern zunehmend auch eine Frage der Logistik: Wo darf ich, wann darf ich, wie lange habe ich Zeit? Das ist kein angenehmes Verhältnis zu einem Produkt.
Nicht für alle, aber konkret für viele
Kevin Müller und sein Team positionieren KLAIR bewusst nicht als Allheilmittel. Das Produkt ist kein Medikament, kein zertifiziertes Entwöhnungsmittel und kein Ersatz für professionelle Unterstützung bei starker Nikotinabhängigkeit. Was es ist: ein Alltagsgegenstand, der eine bestimmte Gewohnheit imitiert, ohne die Stoffe, die diese Gewohnheit problematisch machen, und ohne die rechtlichen Einschränkungen, die heute mit dem Rauchen verbunden sind. Wer körperlich stark nikotinabhängig ist, braucht für den eigentlichen Entzug gegebenenfalls andere Unterstützung, das lässt sich nicht wegdiskutieren. Aber die Frage, ob man im Kino sitzen kann ohne nach zwanzig Minuten unruhig zu werden, oder ob man ein Konzert von Anfang bis Ende im Saal erlebt, das ist eine andere Dimension des Problems. Ob jemand KLAIR als dauerhaftes Produkt nutzt, als Übergangsbegleiter beim Aufhören oder einfach als praktische Alternative für Situationen, in denen Rauchen schlicht nicht geht, liegt im Ermessen des Einzelnen. Der Ansatz jedenfalls ist einer, der die Realität des Alltags ernst nimmt: die langen Zugreisen, die Kinopausen, die Wartezimmer. Nicht als grosse Geste, sondern als kleiner Stift in der Jackentasche, der dort funktioniert, wo Rauchen schon lange nicht mehr geht.
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