Aaron Gähwiler
verrät im Lehrlings-Domino, wie er mit Druck umgeht.
Mittel- und langfristig profitieren alle von einer starken SRG, weiss Daniel Vogler, Medienforscher am fög – Forschungszentrum Öffentlichkeit und Gesellschaft. Adobe Stock
Die Schweiz stimmt am 8. März über die «SRG-Initiative» ab. Was würde die geforderte Abgabesenkung für die Schweizer Medienlandschaft bedeuten? Dazu hat Daniel Vogler, Medienforscher am fög Forschungszentrum Öffentlichkeit und Gesellschaft einige Fragen beantwortet.
Schweiz Daniel Vogler, wie hat sich der Medienkonsum der Schweizer Bevölkerung in den letzten Jahren verändert?
Die Newsnutzung hat sich auf die digitalen Kanäle verlagert. Insbesondere auf News-Websites und Social Media. Neu werden immer öfters auch KI-Chatbots für Information verwendet. Kanäle wie Radio und Fernsehen oder gedruckte Zeitungen bleiben aber relevant. Gerade für ältere Zielgruppen. Man muss aber auch sagen, dass immer mehr Menschen kaum noch Nachrichten nutzen. Sei es bewusst oder unbewusst, weil man keine Zeit hat oder andere Angebote, wie zum Beispiel Gaming- oder Streamingdienste, konsumiert.
Welche Auswirkungen hat dies auf die Medienangebote?
Die Medienhäuser fokussieren auf die digitalen Kanäle. Das heisst, die eigene News-Website oder Angebote auf Social Media. Ein prominentes Beispiel ist 20 Minuten. Seit Dezember gibt es keine gedruckte Ausgabe mehr, die Marke existiert nur noch digital. Auch die Inhalte verändern sich. Geschichten müssen online anders aufbereitet werden. Denn es gibt einen starken Wettbewerb um Aufmerksamkeit. Das führt beispielsweise zu emotionaleren Texten oder reisserischen Titeln. Ein grosses Problem dabei ist: Online gibt es mit Journalismus wenig Geld zu verdienen. Erstens sind nur wenige Leute bereit, für Onlinenews zu bezahlen. Zweitens fliessen die Werbegelder vor allem zu ausländischen Tech-Giganten wie Google und Facebook.
Welche Rolle spielt die SRG heute im medialen Ökosystem der Schweiz?
Nach wie vor eine sehr wichtige Rolle. In der Summe ist die SRG das meistgenutzte Medium der Schweiz. Dank den Gebühren ist sie weniger unter Druck. Sie kann es sich leisten, Sendungen zu Themen zu machen, die vergleichsweise wenig Aufmerksamkeit erhalten. Zum Beispiel zu Themen aus der Wissenschaft oder Randsportarten. Oder ein breites Angebot auch in den kleineren Sprachregionen.
Welche Bedeutung haben öffentlich finanzierte Medien wie die SRG für die direkte Demokratie der Schweiz, gerade im Hinblick auf Abstimmungen und politische Meinungsbildung?
Die SRG gehört, wie auch die privaten Medien, zur Infrastruktur der Demokratie. Die Forschung zeigt einen positiven Zusammenhang mit wichtigen Indikatoren der Demokratie: Wer Service public Medien nutzt, vertraut auch eher politischen Institutionen oder beteiligt sich am demokratischen Prozess. Weil die SRG zu Ausgewogenheit und Neutralität verpflichtet ist, ist sie gerade in politischen Debatten eine wichtige Stimme. Man vergisst zudem oft, dass auch Unterhaltungsformate und Sport zum Leistungsauftrag der SRG gehören. Diese sollen die Vielfalt und Kultur der Schweiz spiegeln und so die Integration der Gesellschaft fördern.
Die «No Billag»-Initiative wurde 2018 abgelehnt. Nun wird mit der SRG-Initiative ein zweiter Anlauf unternommen, die Finanzierung der SRG zu hemmen. Wie ordnen Sie die Initiative medienpolitisch ein – ist sie eine finanzpolitische Vorlage oder eine Grundsatzfrage zur Rolle des Service public? Ist die aktuelle Debatte Ausdruck eines Vertrauensproblems?
Weder noch. Bei der Initiative geht es nicht direkt um den Service Public. Denn es gibt keine konkrete Idee, wie der Service Public mit einem halbierten Budget überhaupt aussehen soll. Das Vertrauensproblem mag für gewisse Teile der Gesellschaft stimmen. Aber insgesamt gehört die SRG zu den Medien, denen die Menschen in der Schweiz am meisten vertrauen, übrigens gerade die Jungen. Der finanzielle Aspekt, also die Höhe der Gebühren, spielt insofern eine Rolle, dass die Initianten die Entlastung des Mittelstands als Argument stark machen. In einer Zeit, wo vieles teurer wird, ist das ein durchaus verständliches Argument. Aber wir alle profitieren mittel- und langfristig von einer starken SRG, weil die SRG zur Infrastruktur unseres mehrsprachigen, direktdemokratischen Landes gehört.
Was würde die Reduktion der SRG-Gebühren für die Schweizer Medienlandschaft bedeuten? Welche Folgen hätte dies speziell für die regionale Berichterstattung?
Die SRG wird mit weniger Geld auskommen müssen. Das bedeutet auch einen Abbau der Leistungen in allen Bereichen, also Information, Kultur, Bildung, Sport und Unterhaltung. Vermutlich wird es auch eine starke Zentralisierung auf einige wenige grosse Standorte wie Zürich geben. Es ist also zu erwarten, dass ein Abbau die Berichterstattung über ländlichere Regionen treffen wird.
Private Medienhäuser stehen wirtschaftlich unter Druck. Kritiker sagen, die SRG verdränge private Medien. Ist die SRG für diese Krise mitverantwortlich?
Ich verstehe, dass das Argument auf den ersten Blick logisch klingt. Unsere Forschung zeigt aber, dass die SRG die Privaten eher nicht verdrängt. Im Gegenteil. Menschen, die SRG nutzen, nutzen eher auch private Medien. Die grossen Konkurrenten sind ohnehin die ausländischen Tech-Firmen. Es würde sich also eher lohnen, wenn SRG und private Medien stärker kooperieren würden, als gegeneinander zu arbeiten.
Was steht bei dieser Initiative aus Ihrer Sicht langfristig auf dem Spiel – nur die Zukunft der SRG oder die Struktur des gesamten Schweizer Mediensystems?
Ganz klar die Zukunft des Schweizer Mediensystems, denn es steht jetzt schon unter Druck. Die Initiative bietet hier keine Lösung. Ich bin ein grosser Anhänger des dualen Systems: Dem Nebeneinander von privaten und öffentlichen Medien. Die Initiative gefährdet beides. Sie schwächt die SRG und langfristig auch private Medien, da diese kaum von einer reduzierten SRG profitieren werden.
Linda Bachmann
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