Ramon Gschwend
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Die verkehrsberuhigenden Massnahmen auf der Wilenstrasse sorgen für Kopfschütteln. Verkehrsteilnehmende stellen in Frage, ob sie eher schaden statt nützen. Patrick Sieber, Projektleiter Verkehrsplanung des Departements Bau, Umwelt und Verkehr der Stadt Wil nimmt Stellung.
Wil «Dümmer geht's nimmer», lautet Franz Schwagers trockener Kommentar zur Verkehrssituation auf der Wilenstrasse. Der Grund für seinen Unmut: Das Pilotprojekt «Velostrasse» der Stadt Wil – oder vielmehr, die damit einhergehenden verkehrsberuhigenden Massnahmen, die auf dem knapp 700 Meter langen Abschnitt zwischen der Autobahnüberführung und der Hubstrasse installiert wurden.
Das Pilotprojekt geht auf eine Motion aus dem Wiler Stadtparlament zurück, die eine verbesserte Fahrradinfrastruktur forderte. Die Stadt Wil hatte die Öffentlichkeit bereits im Mai über die geplanten Massnahmen auf der Wilenstrasse informiert. Gemäss Patrick Sieber, Projektleiter Verkehrsplanung des Departements Bau, Umwelt und Verkehr (BUV) der Stadt Wil, ist das übergeordnete Ziel des Projekts, faktenbasiert zu entscheiden, ob und wie Velostrassen künftig in Wil umgesetzt werden sollen, um die Sicherheit aller Verkehrsteilnehmenden zu erhöhen. Im Zuge dessen wurden auf der Wilenstrasse die Rechtsvortritte aufgehoben, verschiedene Markierungen angebracht sowie mehrere fahrbahnverengende Tafelsäulen aufgestellt. «Die Aufhebung der Rechtsvortritte von den Strassen, die in die Wilenstrasse einmünden, war ein sehr guter Entscheid», so Franz Schwager. Dies habe kurzzeitig zu einem besseren Verkehrsfluss geführt. Die darauf installierten verkehrsberuhigenden Elemente hätten allerdings genau das Gegenteil bewirkt. Der pensionierte Wilener ist oft mit dem Velo oder dem Bus unterwegs. «Die Busse können ihren Fahrplan aufgrund der vielen Fahrbahnverengungen oft nicht einhalten. Es ist ärgerlich, wenn man den Zug nur noch von hinten sieht», sagt er. Durch Stop-and-Go würde es ausserdem zu erhöhten Lärm- und CO₂-Emissionen kommen.
Auch als Velofahrer sieht Franz Schwager keinen Vorteil in der Velostrasse. Laut dem Projektleiter Verkehrsplanung, können Velofahrende durch die Tafelsäulen ungehindert und sicher in beide Richtungen am rechten Strassenrand fahren. Fahrzeuge müssten links herum fahren, wie auch in anderen Tempo-30-Zonen. «In der Praxis funktioniert das nicht», so Franz Schwager. «Nicht, wenn die Autos vor den Säulen anhalten, um den Gegenverkehr passieren zu lassen. Und vielleicht gibt es mal wieder einen richtigen Winter. Ich sehe schon jetzt den Schnee, wie er hinter den Pfählen die Velospur blockiert.»
Tatsächlich entspricht die Ausführung der Wiler Velostrasse in puncto Fahrbahnverengung nicht der Empfehlung des Bundesamts für Strassen (ASTRA). In dessen «Handbuch Velobahnen» wird festgehalten, dass Versätze im Strassenraum vermieden werden sollten, um eine flüssige Fahrt ohne Hindernisse zu ermöglichen. Laut Patrick Sieber, sind die FGSO-Markierung, also die rote Markierung, und die Platzierung von Horizontalversätzen zentrale Bestandteile des Konzepts. Die Elemente würden der Norm des Schweizerischen Verband für Strassen- und Verkehrsfachleute (VSS) entsprechen.
Doch nicht nur die Ausführung der verkehrsberuhigenden Mass-nahmen, sondern auch der Zeitpunkt des Pilotprojekts werden kritisiert. Gemäss den Verantwortlichen der Stadt Wil wurde die Wilenstrasse in einer umfassenden Machbarkeitsstudie als am besten geeignet für das Pilotprojekt bewertet. Sie erfülle die Voraussetzungen für eine Velostrasse, gehöre also bereits dem bestehenden Veloroutennetz an und liege in einer Tempo-30-Zone. Der tägliche Verkehr liegt gemäss Messungen der Stadt Wil bei 2000 bis 2500 Fahrzeugen und rund 490 Velos. Auf diese Zahlen geht der Wiler Stefan Frick in einem Post auf LinkedIn ein. Laut eigenen Angaben beobachtete er aktuell ein erhöhtes Verkehrsaufkommen auf der Wilenstrasse. Der Grund dafür: Die andauernden Bauarbeiten im Rahmen der Fernwärmeversorgung auf der parallel verlaufenden Glärnischstrasse. «Die Strasse ist teilweise als Einbahnstrasse und mit Lichtsignalanlage geführt», weiss Frick. Leider sei keine Verkehrszählung verfügbar, er schätze den täglichen Verkehr auf der Glärnischstrasse aber auf ungefähr 8000 Fahrzeuge. «Wenn sich nun nur die Hälfte des Verkehrs auf die Wilenstrasse verlagert, haben wir dort einen tief geschätzten durchschnittlichen Verkehr von 6500 Fahrzeugen inklusive des Stadtbusses und 490 Velos. Bei dieser Verkehrsbelastung sei ein Pilotversuch mit Fahrbahnverengung nicht die beste Lösung, bemängelt Frick. Laut Patrick Sieber wollte das BUV den Pilotversuch Wilenstrasse nicht weiter verzögern, weshalb das Ende der Baustelle auf der Glärnischstrasse nicht abgewartet wurde.
Das Pilotprojekt werde, so teilten die Verantwortlichen der Stadt Wil mit, durch ein umfassendes Controlling begleitet, bei dem durch Verkehrsmessungen, Online-Befragungen und direkte Gespräche mit Verkehrsteilnehmenden die Wirksamkeit der Massnahmen evaluiert wird. Rückmeldungen aus der Bevölkerung werden laut Patrick Sieber laufend beantwortet. Allerdings könne das Pilotprojekt erst mit den vollständig umgesetzten Massnahmen beurteilt werden. Insgesamt würden auf der Velostrasse sieben Horizontalversätze als verkehrsberuhigende Elemente platziert.
Linda Bachmann
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